Interkulturelle Kompetenz: Fettnäpfchen im Berufsleben geschickt umgehen

Der Start ins Berufsleben ist spannend und nicht immer ganz einfach. Vor allem weil du so vieles falsch machen kannst. Bei fachlichen Fehlern herrscht für Lehrlinge meist Welpenschutz. Bei sozialen Fettnäpfchen ist die Schmerzgrenze dagegen eher niedrig. Das gilt besonders für interkulturelles Fehlverhalten.

Egal, wer du bist, wo du herkommst und wo du eine Lehre beginnst oder bereits begonnen hast – Fettnäpfchen im Umgang mit anderen lauern überall: Im Umgang mit Kollegen, mit Vorgesetzten oder mit Kunden. Im direkten Gespräch, im Schriftverkehr oder online. Für die meisten solcher Situationen gibt es einen Knigge. Oder ein (hoffentlich richtiges) Bauchgefühl. Richtig schwierig wird es aber, wenn verschiedene Kulturen aufeinanderprallen. Sei es, weil du selbst fremde Wurzeln hast, oder weil du mit Kollegen und Vorgesetzten aus anderen Kulturen zusammenarbeiten musst, oder weil euer Unternehmen global tätig ist:

  • Darf ich als türkisches Mädchen auch mit dem Kopftuch am Bankschalter stehen?
  • Darf ich mich in der Kantine mit meinem Schnitzel zu einem offensichtlich muslimischen Kollegen an den Tisch setzen?
  • Darf ich der Frau des saudi-arabischen Gastes die Hand geben?
  • Gebe ich dem indischen Kunden die rechte Hand, oder die linke, oder gar keine?
  • Wie verneige ich mich richtig vor einem chinesischen Kunden?
  • Wie sage ich auf Kroatisch „Guten Tag“, „Bitte“ und „Danke“?
  • Darf ich beim russischen Geschäftskunden auch ein brisantes politisches Thema ansprechen?

Im Privatleben ist es vor allem dir peinlich, wenn du da etwas verkehrt machst. Im Berufsleben kann es dem Chef peinlich sein, wenn er davon erfährt oder wenn er dabei ist. Oder wenn er sogar selbst betroffen ist und er einen wichtigen Auftrag verliert. Oder wenn ein Geschäftspartner sein Gesicht verliert. Im schlimmsten Fall kann dir so etwas deine Karriere versauen.

Doch wie kannst du solche Fettnäpfchen erkennen und meistern oder zumindest umgehen?

Fettnäpfchen erkannt, Gefahr gebannt

Zum einen kannst du dich bereits im Vorfeld erkundigen, auf was du dich einlässt.

  • Bei einem heimischen Unternehmen hast du als Österreicher schon mal einen gewissen Heimvorteil.
  • Hast du dagegen fremde Wurzeln, kennst du sicher bereits die wichtigsten sozialen Spielregeln, die von denen deiner eigenen Kultur abweichen. Hier kannst du mit korrektem Verhalten auf jeden Fall punkten.
  • Wenn es etwas gibt, was dir absolut widerstrebt, sprich es möglichst bereits im Bewerbungsgespräch an oder suche später das Gespräch mit einem Vorgesetzten, dem Personalchef oder dem Chef. Wenn du zum Beispiel Wert legst auf halale Speisen und die Firmenkantine dies nicht bieten kann, schlage Alternativen vor, statt etwa über die Köche zu schimpfen: Vielleicht kann man dir entsprechende Fertiggerichte, die du im Geschäft deines Vertrauens besorgst, in der Mikrowelle aufwärmen.
  • Wenn deine Firma eine fremdländische Zentrale hat und du in einer regionalen Dependance arbeitest, zum Beispiel einem Software-Unternehmen oder einer Gastro-Kette, frage gezielt nach der Firmen-Etikette, besonders im Hinblick auf „importierte“ Gepflogenheiten.
  • Wenn die Firmenzentrale in Paris oder London einen dezenten Dresscode oder gar eine Uniform verlangt, kannst du nicht in Jeans, Punker-Outfit oder (als Mädel) im Dirndl auftreten. Japanische Firmen legen zumeist sehr viel Wert auf Ordnung und Sauberkeit am Arbeitsplatz.

Andere Länder, andere Gesten

Gesten und Körpersprache sind ganz wichtige Informations- und Kommunikationselemente. Was hier gut gemeint ist, kann auf der Gegenseite schnell für Unmut sorgen, im günstigsten Fall für Gelächter:

  • Daumen hoch: für dich heißt das „super, alles prima“. Für einen Australier ist das eine ziemlich rüde Geste.
  • Umarmung zur Begrüßung oder zum Abschied: Für dich in der Clique Standard. In vielen anderen Kulturen ein Tabu. Das gilt auch für andere Formen des Körperkontaktes.
  • 2 Finger für 2 Bier: Der chinesische Kellner bringt wahrscheinlich 8 Bier…
  • Augenkontakt: Hierzulande ein Zeichen für Offenheit, Interesse und Respekt, in asiatischen Kulturen genau das Gegenteil. Insbesondere blicken Jüngere dezent nach unten oder zur Seite, wenn sie mit Älteren oder Fremden reden.
  • Schmatzen beim Essen: Zu Hause eine Unsitte, in China Zeichen, dass es schmeckt.

Nicht verzagen, Profi fragen

Generell ist es gut, wenn du dir Hilfe suchst und jemanden fragst, der sich auskennt. Das kann ein Kollege sein, jemand aus der höheren Etage oder auch jemand Externes. Sowohl im Internet als auch bei den Handelskammern findest du kompetente Ansprechpartner, die vielleicht sogar auch einen kleinen Kurs anbieten, zum Beispiel einen Knigge im Umgang mit chinesischen Geschäftspartnern.

Wenn es eher um sprachliche Dinge geht, hilft dir vielleicht ein entsprechender Sprachkurs (Auffrischungskurs, Crashkurs, Intensivkurs).

  • „Guten Tag“ heißt auf Französisch zwar „Bonjour“. Zur Begrüßung heißt es aber „Bonjour, Monsieur“ oder „Bonjour, Madame“. Auch wenn du den Namen des Gegenübers kennst. Also nicht „Bonjour, Monsieur Lebrun“ oder „Bonjour, Madame Pompadour“.
  • Die arabische Begrüßung lautet nicht „Salami aleikum“ oder „Sala maleikum“, sondern beginnt mit „as-salamu alaykum“ (Friede sei mit dir), wird aber nicht 1:1 entgegnet, sondern mit „wa-alaykum as-salam“ (Und auch mit dir sei Friede).
  • Auf die Frage nach dem Wohlbefinden erwartet niemand einen aktuellen Leidensbericht, egal ob die Frage „Comment allez-vous?“ oder „How do you do?“ lautet.

Bei gelegentlichen schriftlichen Arbeiten, insbesondere wenn diese sehr wichtig sind, kann dir ein Übersetzungsbüro wertvolle Dienste leisten. Diese Profis können dir nicht nur deine Schriftstücke übersetzen, sondern auch in die richtige Form bringen. Das wäre zum Beispiel interessant für eine Bewerbung um eine Lehrstelle bei einem ausländischen Unternehmen. Hier müssen sowohl die Texte (Inhalt) als auch die Gestaltung (Form) den jeweiligen Anforderungen entsprechen. Das gilt auch für die beigelegten Nachweise (Zeugnisse, Praktikumsbescheinigungen). In Frankreich sind Arbeitszeugnisse zum Beispiel unbekannt. Dort schickt man nur Anschreiben und Lebenslauf ein, sofern nicht ausdrücklich anders erwünscht.

Ein kleiner Fauxpas in der Anrede kann deine Unterlagen bereits ganz schnell Richtung Ablage katapultieren. In Frankreich und Luxemburg legt man übrigens auch Wert auf ein handschriftliches Anschreiben. Warum? – Weil ein Experte deine Handschrift beurteilt und danach deine Firmentauglichkeit einschätzt. Also lieber nicht das Anschreiben von der Freundin schreiben lassen, weil die eine schönere Schrift hat…

Über die Autorin: Ljubica Negovec hat vor mehr als 20 Jahren das Übersetzungsbüro ALLESPRACHEN in Graz gegründet. Seit 2011 gibt es nun auch eine Zweigstelle in Wien. 2015 wurde dem Unternehmen das Österreichische Bundeswappen für „Leistungen um die österreichische Wirtschaft“ verliehen.

Bildrechte: Pixabay.com

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